Kunst ist Innovation
Ein Kommentar von Otto Hans Ressler, Auktionator und Geschäftsführer der RESSLER KUNST AUKTIONEN.
„Kunst ist dann, wenn es Fenster öffnet. Wenn es die Sicht verändert. Kunst ist, wenn ein bisschen Magie im Spiel ist, wenn es nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, wenn ein Zauber überspringt. Kunst ist es, wenn es erregt, wenn es bewegt.“ (Julia Wegat)
Wenn man dem Begriff Kunst in den Massenmedien begegnet, könnte man freilich fast meinen, es ginge ausschließlich um Sensationen, um Höchstpreise, um Auktionsrekorde, um Wertanlage und, zuweilen, um Skandale. Nun möchte ich die Sensationen, die Höchstpreise, die Rekorde und sogar die Skandale nicht schlechtreden; sie sind wichtig, weil es mit ihrer Hilfe gelingt, das Interesse an Kunst hoch zu halten, Neugier zu wecken, Menschen dazu zu bringen, in Museen zu gehen, in Ausstellungen, zu Auktionen.
Aber dass Kunst so oft mit hohen Preisen und Skandalen in Verbindung gebracht wird, kommt vor allem daher, dass dabei Leidenschaft im Spiel ist, dass es um Gefühle geht, um Ängste und Freuden, um Hoffnungen und Enttäuschungen, um Ablehnung und Zustimmung, um Abgründe und Begeisterung. Wir spüren, dass wir betroffen sind, unsere Existenz, unsere gesellschaftliche Realität, die wir durch Kunst in einem ganz bestimmten, nicht selten überraschenden Blickwinkel wahrnehmen und damit bereits zu verändern beginnen; wir spüren, dass die Kunst von Wahrheit handelt.
Die Wirklichkeit, die die Kunst uns aufzeigt, die Wahrheit, die sie für uns zugänglich macht, sie sind nicht immer angenehm. Oft wäre es bequemer, sie zu leugnen, sie von sich zu weisen, so zu tun, als habe man nichts gehört und nichts gesehen, und könne sie deshalb ignorieren. Aber das wäre nicht nur falsch, es wäre kurzsichtig, ja, dumm.
Nicht dumm zu sein, verlangt freilich etwas von uns: Wenn wir uns nicht blind und taub stellen wollen vor der Wirklichkeit, die die Kunst uns zeigt, wenn wir uns nicht verschließen wollen vor der Wahrheit, die sie offenbar macht, dann sind wir gefordert, für die Kunst einzutreten; wir sind gefordert, für sie Stellung zu beziehen, ihre Blickwinkel zu verteidigen, ihre Wirklichkeit, die Wahrheit, für die sie steht. Und diese Forderung gilt selbst dann, wenn wir noch gar nicht in der Lage sind zu erkennen, was sie uns mitzuteilen hat.
Denn was ist Kunst eigentlich? Was ist Bildhauerei? Was ist Malerei? Was macht ein Künstler, was macht eine Malerin, was macht ein Bildhauer? Sie verteilen Farbe auf einem Stück Leinwand. Sie schlagen etwas aus einem Stück Marmor. Und sie machen das nicht nur aus ästhetischen Gründen, sie behaupten damit eine neue Sicht der Dinge, eine neue Sicht der Welt.
Und das ist das eigentlich Beunruhigende an der Kunst. Es ist so beunruhigend, dass es – heute ebenso wie vor hundert oder zweihundert Jahren – zu Verleumdungen führt, zu Verfolgungen, zu Verhetzungen, zu Zensur; das Mindeste, was der Kunst nicht selten entgegenschlägt, ist Ablehnung, blankes Unverständnis. Das hat angefangen mit Francisco de Goya, das hat sich fortgesetzt mit Gustav Klimt und Oskar Kokoschka, das hat mit Hermann Nitsch und Günter Brus und vielen anderen nicht aufgehört.
Denn im Grunde wollen wir das Neue nicht; wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist – was in Regionen mit halbwegs funktionierenden Gesellschaftssystemen auch durchaus nachvollziehbar ist. Aber selbst in Weltgegenden, wo der Wunsch nach Veränderung nicht nur nachvollziehbar wäre, sondern tatsächlich stark ist, scheinen konkrete Handlungen, mit denen die bestehenden Verhältnisse geändert werden könnten, an gesellschaftlichen Bindungen und unterschiedlichen Privilegien, so marginal sie auch sein mögen, zu scheitern. Die Furcht, das Wenige, das man hat, zu verlieren, ist zuweilen größer als die Hoffnung, was man alles gewinnen könnte.
Nein, wir sind ganz offenbar eine Spezies, die dem Neuen vorerst einmal misstrauisch gegenüber steht. Wir scheuen Veränderungen. Und wir haben Techniken entwickelt, das Neue von uns fern zu halten, zu vermeiden, uns damit auseinander setzen zu müssen. Denn das Neue, das Fremde, beunruhigt uns. Wir schützen uns davor mit Konventionen, mit Regeln, mit Normen, die zumeist nirgends niedergeschrieben sind und nicht selten auf den ersten Blick ziemlich sinnlos erscheinen – aber dennoch einen Sinn haben. Sie sind uns, da wir sie kennen, vertraut, und dadurch schaffen sie Vertrauen: Weil sie fast sofort Einvernehmen herzustellen vermögen zwischen allen, die diese Regeln und Normen kennen und sie befolgen; und uns fast sofort zeigen, wer damit nicht umzugehen vermag und folglich nicht dazu gehört; weil sie uns also auf den ersten Blick klar machen, wem wir vertrauen können und wem nicht.
Natürlich hält diese Verhaltensweise vernünftigen Überlegungen nicht stand. Aber sie schafft eine Illusion von Verlässlichkeit (und mehr Verlässlichkeit werden wir nie haben), sie schafft eine Vorstellung von Sicherheit (und mehr Sicherheit werden wir nicht bekommen), sie ist die Basis unserer Identität (und zwar die einzige).
Denn das Fremde macht uns Angst.
Farbe auf einer Leinwand anders zu verteilen, als das bisher getan wurde, etwas aus einem Stück Marmor zu schlagen, anders, als das bisher getan wurde, und damit eine Vorstellung von Dingen zu entwickeln, die alles, was bisher als richtig gegolten hat und woran wir uns gewöhnt haben, auf den Kopf zu stellen versucht, beunruhigt uns zutiefst! Nichts anderes geschieht aber bei der Kunst.
Der Künstler versucht, uns eine neue Sichtweise näher zu bringen, und wir, das Publikum, versuchen, so lange es geht, an der alten Sichtweise festzuhalten. Zuweilen benötigen wir Jahrzehnte, um uns daran zu gewöhnen. Zuweilen wehren wir uns geradezu verbissen gegen eine Veränderung. Zuweilen schreien wir Skandal, um uns lautstark zu wehren.
Es fällt schwer, sich das heute vorzustellen, aber der Impressionismus (den die meisten Menschen mittlerweile einfach schön finden) war ein Skandal. Was Waldmüller über den Akademiebetrieb und die Rolle des Künstlers sagte (und niemand zweifelt heute mehr, dass er Recht hatte), wurde als Skandal empfunden. Was Klimt machte, scheint zu seiner Zeit als eine ununterbrochene Kette von Skandalen angesehen worden zu sein. Was Schiele machte, war so skandalös, dass es die Gerichte auf den Plan rief. Und was Nitsch macht, empfinden auch heute noch gar nicht so wenige Leute als Schweinerei.
Dabei ging es den Impressionisten natürlich nicht darum, einen Skandal zu verursachen. Auch Waldmüller hat das nicht beabsichtigt. Auch Klimt und Schiele nicht. Und selbst Hermann Nitsch lag das fern. Aber sie alle haben etwas getan, das unvermeidlich zu einem Skandal wurde. Sie haben etwas ganz Unerhörtes gemacht: Sie haben die Regeln gebrochen. Sie haben die Normen ignoriert. Sie haben die Tabus verletzt.
Und das Niederschmetternde ist: Es musste sein! Es muss auch heute sein.
Würden die Künstler die Regeln nicht brechen, die Normen nicht überwinden, die Konventionen nicht verletzen, würden sie nur etwas machen, das wir alle längst kennen. Etwas, das man schon kennt, kann überaus erfreulich sein – aber es bringt uns nicht weiter. Was uns weiterbringt, ist Kunst; und Kunst ist immer ein neuer Blick auf die Welt. Der Künstler überschreitet Grenzen, weil das die einzige Möglichkeit ist, etwas zu verändern. Und Veränderung ist die einzige Möglichkeit für uns, uns weiterzuentwickeln.

