Kunst ist Kapital
Ein Kommentar von Otto Hans Ressler, Auktionator und Geschäftsführer der RESSLER KUNST AUKTIONEN.
Kunst ist immer mehr wert, als sie kostet
Kunst = KAPITAL. Auf diese Formel hat Joseph Beuys seine Definition von Kunst heruntergebrochen. Aber ist es wirklich so einfach? Bedeutet Kunst wirklich nur das Geld, das sie kostet? Geht es wirklich nur um Sensationen und Rekordpreise?
Piroschka Dossi hat in ihrem Buch „Hype“, in dem sie den Kunstmarkt scharf kritisiert, geschrieben, in keinem anderen Markt herrsche eine so fundamentale Unsicherheit über den Wert der gehandelten Waren. Aber diese Unsicherheit ist vernachlässigbar gegenüber der Frage, worin eigentlich der Wert der Kunst für uns besteht – abseits der Frage, was sie kostet. Denn dass es eine immaterielle, eine geistige Bedeutung der Kunst gibt, darin zumindest sind sich die meisten Menschen einig. Es herrscht sogar weitgehend Einvernehmen darüber, dass dieser Aspekt der Kunst wichtiger sei als das Geld, das für Kunstwerke verlangt und bezahlt wird – selbst wenn es sich um sehr viel Geld handelt.
Im Jahr 2000 wurden weltweit Museumsdirektoren eingeladen, das ihrer Meinung nach wichtigste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts zu wählen. Die Abstimmung gewann ein umgedrehtes Urinal, also das Pissoirbecken einer Bedürfnisanstalt, das Marcel Duchamp im Jahr 1917 unter falschem Namen für die Jahresausstellung der „Society of Independent Artists“ in New York eingereicht hatte.
Spätestens seit dieser Wahl musste jedermann klar sein, dass Kunst nicht unbedingt ein Gemälde oder eine Skulptur sein muss. Es kann sich im Grunde um alles handeln: ein Autowrack, eine halbverbrannte Geige, ein bei einem Spaziergang am Strand gefundenes Stück Holz ebenso wie ein auf den Kopf gestelltes Haus; ja selbst eine Einladung zu einem Abendessen kann Kunst sein. Da aber Urinale, Wracks, Äste, Geigen, auf den Kopf gestellte Häuser oder Einladungen normalerweise keine Kunstmanifestationen sind, bleibt einem die Erkenntnis nicht erspart, dass, was Kunst ist, am einzelnen Kunstwerk gar nicht mehr abgelesen werden kann. Im Grunde erkennen wir nur mehr am Ort, an dem sich diese Gegenstände befinden, ob es sich um Kunst handelt oder nicht: Am Straßenrand ist das Wrack keine Kunst; im Museum schon.
Wenig überraschend haben sich aus dieser Unsicherheit heraus herrliche Legenden gebildet: Von der übereifrigen Putzfrau, die die verschmutzte Badewanne von Joseph Beuys einer eingehenden Reinigung unterzogen habe; vom Feuerlöscher, der – mit dem Hinweis „Bitte nicht berühren“ versehen – von japanischen Touristen eifrig fotografiert wurde, bis hin zum aus dem Rahmen gestohlenen Bild, wo der leere Rahmen dann zu klugen, kunstwissenschaftlichen Kommentaren über das Ende der Kunst geführt habe.
Was also ist Kunst? Und wie kann man sie erkennen?
Die Begriffe Kunst und Künstler sind relativ jung. Sie wurden erst vor fünfhundert Jahren für Malerei und Bildhauerei und ihre Schöpfer eingeführt. Im Umfeld italienischer Akademien brach ein heftiger Streit über das Recht aus, ob die Maler und Bildhauer diese Bezeichnungen überhaupt tragen dürften. Denn bis dahin hatten sie als Handwerker gegolten; nun wollten sie Wissenschaftlern gleichgestellt sein.
Dabei ging es ihnen um Renommee und Geld. Denn der Unterschied zwischen einem Handwerker und einem Künstler ist größer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat: Der Handwerker ist lediglich Ausführender, nicht Gestaltender; er kann nicht über die Inhalte seiner Arbeit bestimmen, nicht über die Institutionen und Regeln, unter denen er arbeitet. Ein Künstler hingegen hat alle Freiheiten: Er ist frei in der Wahl seiner Mittel und Inhalte. Wer sein Werk haben will, muss den geforderten Preis bezahlen.
Diese Veränderung bedeutete freilich auch, dass die Maler und Bildhauer fortan gezwungen waren, wie Unternehmer für ihre Produkte einen Markt zu suchen. Und damals wie heute gilt: Das geht nur, indem sich die eigenen Produkte von jenen der Mitbewerber unterscheiden. Die Folge war ein Markt, bei dem jeder, der reüssieren wollte, gezwungen war, permanent Neues zu kreieren.
Die Folge war, dass irgendwann alle Möglichkeiten der Malerei und Bildhauerei ausgelotet schienen, und – auf der ewigen Suche nach Neuem – ein Urinal, ein Autowrack, eine halbverbrannte Geige, ein auf den Kopf gestelltes Einfamilienhaus oder eine Einladung zum Abendessen zum Kunstwerk erklärt wurden.
Damit ist mit der Kunstproduktion der Moderne etwas eingetreten, das im Grunde seit dem 16. Jahrhundert vorgegeben war: Nicht das Kunstwerk, sondern seine Bindung an bestimmte, genau definierte Orte und Institutionen entscheidet darüber, ob wir es als Kunst wahrnehmen oder nicht.
Allerdings ist mit der Kunst, die alles sein kann, ein weiteres Problem virulent geworden: das Problem der Qualität und ihrer Wahrnehmung. Jeder am Kunstbetrieb irgendwie Beteiligte erklärt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass es bei der Kunst vor allem auf die Qualität ankomme. Kunsthändler begründen damit die Höhe des Preises, Kuratoren und Sammler die Auswahl, die sie getroffen haben. Da sich am einzelnen Objekt aber nicht einmal sagen lässt, ob es sich um Kunst handelt oder nicht, ist es praktisch unmöglich, über seine Qualität eine gültige Aussage treffen.
Die Meinungen darüber ändern sich – nicht wirklich schnell, aber unaufhörlich. Vor hundert Jahren hielt man Rembrandt für einen eher mittelmäßigen Maler. Gustav Klimt wurde – von Fachleuten – für so schlecht gehalten, dass man ihm empfahl, besser im Wurstelprater auszustellen. Vor sechzig Jahren war die einzige Wahrnehmung von Egon Schiele die Pornographie.
Eigentlich müsste es ja völlig ausgeschlossen sein, dass sich übereinstimmende Urteile über die Qualität eines Kunstwerks überhaupt bilden können, weil die Betrachtungsweisen, Vorstellungen, die emotionalen und intellektuellen Annäherungen von Menschen mit ganz individuellem Erfahrungshintergrund und in ganz unterschiedlicher mentaler Verfassung zwangsläufig völlig verschieden sein müssen – und sich überdies ständig ändern.
Dass sich Galeristen, Museumsdirektoren, Kuratoren, Sammler, Kunstkritiker, Auktionatoren, Experten und natürlich die Künstlerinnen und Künstler bezüglich der Qualität von Kunst oft einig zu sein scheinen, hängt damit zusammen, dass sie sich darauf verständigt haben. Dazu sind nicht einmal formelle Absprachen nötig; der gegenseitige Respekt und das Bedürfnis, sich stets auf die Ansicht von Experten stützen zu können, bewerkstelligt das von ganz allein. Nur über das, was neu entsteht, herrscht vorerst Uneinigkeit – bis einer aufsteht und ein Urteil fällt, das, je anerkannter er in der Welt der Kunst ist, umso schneller von allen anderen geteilt wird.
Zuweilen werde ich mit dem Verdacht konfrontiert, der ganze Kunstbetrieb sei nichts anderes als eine dunkle Verschwörung zu dem Zweck, Künstler und Preise zu puschen. Dieser Verdacht ist Unsinn. Der Markt würde so nicht funktionieren, jedenfalls nicht sehr lange. Viel zu groß sind die Eifersüchteleien und Aversionen der einzelnen Mitspieler, als dass das auf Dauer gut ginge.
Nein, es ist viel einfacher: Jemand gibt eine Ansicht vor (und das riskiert er nur, wenn er davon überzeugt ist), die so lange vorhält, bis ein anderer eine gegenteilige Ansicht äußert (an die er selbstverständlich ebenfalls unverbrüchlich glauben muss). Setzt sich seine Überzeugung durch, bedeutet das das Ablaufdatum des ersten Qualitätsurteils. Aber dieser Prozess dauert. Vor ein paar Jahrzehnten war der Phantastische Realismus bei den meisten Fachleuten hoch angesehen. Dann änderte sich das. Aber am Kunstmarkt sind Werke von Fuchs, Brauer, Hausner, Lehmden und Hutter nach wie vor sehr gut nachgefragt.
Schon in der Renaissance hat man das Dilemma mit der Qualitätsbeurteilung erkannt und auch einen Ausweg gefunden: Man orientierte sich nicht am einzelnen Werk, sondern an der Person des Künstlers; an seinen persönlichen Fähigkeiten.
Der Preis eines Kunstwerks (als Ausdruck unserer Qualitätswahrnehmung) hängt deshalb nicht zufällig bis heute in erster Linie davon ab, wie die Begabung des Künstlers, sein Talent, seine Kraft, seine Entwicklungsmöglichkeiten eingeschätzt werden. Die gesamte Qualitäts- und damit Preisfindung hängt schlicht am Ruhm des Künstlers: Je berühmter er ist, desto teurer ist ein Kunstwerk, das er geschaffen hat!

