Kunst ist Erkenntnis

Ein Kommentar von Otto Hans Ressler, Auktionator und Geschäftsführer der RESSLER KUNST AUKTIONEN.

Was ist Kunst? Für die, die sich mit ihr ernsthaft auseinandersetzen, ist sie – auch – ein Abenteuer; eine Unternehmung des menschlichen Geistes, die außergewöhnliche Einsichten beschert und unvorhersehbare Möglichkeiten eröffnet; eine Reise, bei der man unentwegt Neuland betritt. Sie ist eine wichtige Erfahrung, und zuweilen wird man reich belohnt mit dem intellektuellen Vergnügen, das einem gewonnene Einsichten verschaffen kann.

„Der Künstler bietet ein großes Beispiel. Er vergöttert seine Arbeit: köstlicher Lohn ist ihm die Freude, sie recht zu machen. Die Menschheit wird erst glücklich sein, wenn alle Menschen Künstlerseelen haben werden, das heißt, wenn allen ihre Arbeit Freude macht, wenn alle ihrem Leben einen Inhalt geben.“ (Auguste Rodin)

Aber nicht nur Künstler verfügen über Künstlerseelen, auch Sammler. Sie kennen das Glücksgefühl des Suchens und Findens. Es geht dabei gar nicht in erster Linie darum, dass sie ein bestimmtes Werk unbedingt besitzen wollen. Mehr noch geht es um eine Einsicht, darum, einen größeren Zusammenhang zwischen den Werken, die man „gefunden“ hat, herzustellen. Es geht um die Hoffnung, dass sich als Ergebnis des Suchens und Findens der Blick auf etwas Ganzes erschließen werde.

Es geht darum, eine neue Ordnung zu entdecken; eine Ordnung, mit der sich besser verstehen lässt, was man vor Augen hat. Es geht darum, einen Zusammenhang zu entwickeln, eine Vorstellung von Kunst als etwas Ganzem. Dieses Ganze ist eine Erfindung des Sammlers; sie kommt aus ihm selbst, er hat sie aus sich selbst heraus geschaffen. Und ebenso, wie sich ein neues Kunstwerk erst nach und nach in unserem Bewusstsein festsetzt, etabliert sich auch diese neue Ordnung, diese neue Vorstellung von Kunst nur allmählich.

Nicht nur Künstler, auch Sammler verwandeln ihren Stoff; sie verändern unsere Vorstellung von Wirklichkeit, und sie tun es, indem sie die Werke in eine neue Beziehung zueinander bringen. Genau das ist es, worunter wir letztlich Kultur verstehen. Denn eine neue Ordnung, mit der sich aus vielen einzelnen, zueinander in Beziehung gebrachten Kunstwerken eine neue Vorstellung von Kunst entwickelt, ist, was man sogar ein neues Weltbild nennen könnte.

Ob diese Ordnung richtig oder falsch ist, ist zunächst völlig irrelevant. Wir beurteilen sie nach anderen Kriterien: Entweder gefällt sie uns, oder sie tut es eben nicht. Wir beurteilen sie danach, ob wir sie schön finden. Ob sie unserem ästhetischen Bedürfnis entspricht.

Ob sie auch stimmt, entscheiden wir erst viel später, und es liegt nahe, dass unser Urteil darüber, ob etwas richtig oder falsch ist, ganz wesentlich davon beeinflusst wird, ob es uns gefällt oder nicht.

Etwas, das neu ist, wird von uns also zunächst nach ästhetischen Kriterien bewertet, erst dann nach moralischen oder praktischen. Das trifft auf ein einzelnes Kunstwerk ebenso zu wie auf irgendetwas anderes.

Der französische Mathematiker Henri Poincaré hat in seinem Buch „Wissenschaft und Methode“ die Motivationen von Wissenschaftlern zu erklären versucht:

„Der Gelehrte studiert die Natur nicht, weil das etwas Nützliches ist. Er studiert sie, weil er daran Freude hat, und er hat Freude daran, weil sie so schön ist. Wenn die Natur nicht so schön wäre, wäre es nicht der Mühe wert, sie kennenzulernen, und das Leben wäre nicht wert, gelebt zu werden.“

Auf Sammler übersetzt, auf die diese Motive zumindest im gleichen Ausmaß zutreffen, hieße das: Der Sammler beschäftigt sich mit der Kunst nicht, weil sie seinen Reichtum oder sein Prestige steigert. Er beschäftigt sich mit der Kunst, weil er daran Freude hat, und er hat Freude daran, weil sie schön ist. Wenn die Kunst nicht schön wäre, wäre es nicht der Mühe wert, sich mit ihr auseinander zu setzen.

Es geht also, in der Wissenschaft wie in der Kunst, viel weniger um praktische Vorteile als um immaterielle Werte, um Werte, die von rationaler Logik nicht erfasst und eher gefühlsmäßig wahrgenommen werden. Es geht bei der Kunst sogar fast ausschließlich um solche Werte. Kunst ist wertvoll, weil sie voller (sinnlich wahrnehmbarer) Werte steckt.