Kunst ist Freiheit
Ein Kommentar von Otto Hans Ressler, Auktionator und Geschäftsführer der RESSLER KUNST AUKTIONEN.
1982 wurde die Freiheit der Kunst in der österreichischen Bundesverfassung gesetzlich verankert. Der Gesetzgeber beabsichtigte nicht nur, die Kunst vor staatlichen Übergriffen und Zensur zu schützen, sondern sie überhaupt erst zu ermöglichen; und zwar, indem der Staat Künstlerinnen und Künstler finanziell unterstützt.
Natürlich ist ein Gesetz immer nur so gut wie sein Vollzug. Dabei haben sich die österreichischen Institutionen und große Teile der Bevölkerung nicht immer mit Ruhm bekleckert. Einen der größten Skandale der Nachkriegszeit lösten die Fresken Max Weilers in der Theresienkirche in Innsbruck aus; sie gelten heute als bedeutendstes kirchliches Kunstwerk Österreichs im 20. Jahrhundert. Der Wiener Aktionismus, der mittlerweile als wichtigster österreichischer Beitrag für die Entwicklung der Kunst nach 1945 gilt, war überhaupt ein einziger Skandal. Es hagelte Anzeigen, polizeiliche Verfolgung, Gerichtsurteile.
Hermann Nitsch wurde drei Mal gerichtlich wegen seines Orgien-Mysterien-Theaters verurteilt, für das er später mit dem Staatspreis ausgezeichnet wurde. Im Sommer 2003 führte die Skulptur Arc de Triomphe der Künstlergruppe Gelatin zu ebenso lächerlichen wie wütenden Protesten. Das Volk diskutierte entrüstet die Frage, ob das denn überhaupt Kunst sei. Zwei Jahre später errichtete Markus Lüpertz die Skulptur Mozart – eine Hommage auf dem Ursulinenplatz in Salzburg: eine nackte Frauenfigur ohne Hände, mit weiß getünchtem Gesicht und einem barocken Zopf, die von einem selbsternannten Pornojäger zum Gaudium des Publikums geteert und gefedert wurde.
Die Freiheit der Kunst wurde also nur sehr unzulänglich vor Übergriffen geschützt; die Freiheit der Künstlerinnen und Künstler durch die Unterstützung des Staates noch viel weniger. Unter vielen, ja, den meisten Kunstschaffenden wechseln kurzfristige Selbständigkeit, projektbezogene Beschäftigung und Arbeitslosigkeit. Eine Studie 2018 hat ergeben, dass sie im Durchschnitt lediglich € 3.500 mit ihrer Kunst verdienen – pro Jahr! Das Hungertuch gehört wie seit jeher zum Künstleralltag.
Zugegeben, der künstlerische Prozess selbst ist im Grunde prekär – die Kunst ist stets ein Risiko, ein Wagnis mit offenem Ausgang, dessen Gelingen vorab nicht garantiert werden kann. Genau in diesem Wagnis besteht ja die Freiheit der Kunst – und genau darin besteht ihr gesellschaftlicher Wert für uns.
Im Gegensatz zu diesem Wagnis müsste die wirtschaftliche und soziale Situation der Künstlerinnen und Künstler in einem der reichsten Länder der Welt nicht so sein, wie sie ist. Die Reaktion der Politik auf diesen Missstand äußert sich in der meist unwidersprochenen Forderung, dass sich Kunst rechnen müsse. Quote und Umwegrentabilität, Sponsoring und Orientierung am Kunstmarkt sind die Lieblingsvokabeln vieler Kulturpolitiker.
Quote und Umwegrentabilität verlangen aber nichts anderes, als dass sich die Kunst dem Massengeschmack unterzuordnen habe, dass sie sein solle, wie wir sie gerne hätten: leicht konsumierbar und vertraut. Das ist Kunst aber nicht – und kann sie gar nicht sein; ihre primäre Forderung, neu zu sein, schließt Vertrautheit aus und spießt sich mit leichter Konsumierbarkeit.
Die Vorstellung, die Kunst solle nur dann alles dürfen, wenn sie sich selbst finanziere, ist das Gegenteil von Freiheit der Kunst. Die vom Staat garantierte Freiheit der Kunst darf nicht von kunstaffinen Firmenchefs und engagierten Sammlern abhängen; diese Garantie muss von uns allen eingelöst werden. Private Initiativen, Sponsoring und der Markt sind wichtig. Aber der Staat darf sich damit nicht aus der Verantwortung stehlen.
Es braucht eine soziale Absicherung der Kunstschaffenden, eine großzügige Förderung der Galerien, das Bewusstsein, dass nicht allein die Hochkultur das Ansehen und die Attraktivität eines Staates bildet. Es muss der Grundsatz gelten, dass nicht nur subventioniert wird, was die Identität und die kulturelle Tradition stärkt, dem Fremdenverkehr nützt und dem Image dient, sondern dass neue Kunst neue Wege beschreitet und damit die Basis gegenwärtiger und künftiger Kultur bildet – auch wenn sie Tabus bricht, Konventionen verletzt, auf Normen und Gebräuche keine Rücksicht nimmt. Ihr geht es um das Neue, den noch nie versuchten Blickwinkel – und sie eröffnet damit eine neue Sicht: auf die Dinge, auf die Welt.
Es geht darum, die Kunst als positives, vielfach bildendes, intellektuell anregendes Medium anzuerkennen, ein Medium, das wichtige Werte vermittelt und ein Korrektiv der Gesellschaft darstellt. Dieser Aufgabe kann die Kunst nur gerecht werden, wenn sie frei ist. Denn letztlich ist die Freiheit der Kunst die Voraussetzung für die Freiheit der Gesellschaft.

