Kunst ist Sinn
Ein Kommentar von Otto Hans Ressler, Auktionator und Geschäftsführer der RESSLER KUNST AUKTIONEN.
Egal, ob man es mit Picasso hält, für den die Kunst in der Lage war, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen, oder eher mit Adorno, der überzeugt war, dass die Kunst eine pervertierte Welt denunzieren und die Lüge der gesellschaftlichen Zustände ans Licht zerren müsse; gleichgültig also, ob man die Kunst als pure Sinneslust erlebt oder als Gewinn tieferer Erkenntnis, als eine Möglichkeit, die Welt zu betrachten oder sogar zu verändern, oder als letzten Hort der Freiheit und Kreativität: Die Kunst ist von zentraler Bedeutung für unser Menschsein.
Denn die Kunst ist kein Spekulationsobjekt, auch wenn sie von manchen Leuten dazu missbraucht wird. Die Kunst ist auch kein Hobby von Exzentrikern, Millionären und Müßiggängern, auch wenn sie von Exzentrikern, Millionären und Müßiggängern gesammelt wird. Die Kunst ist auch kein Luxus, auch wenn Kunstwerke zuweilen absurd teuer sind. Wahr ist vielmehr, dass Kunstwerke zu erschaffen und zu verstehen, neben der Literatur die einzige Fähigkeit ist, die uns von jeder anderen Spezies auf diesem Planeten unterscheidet.
Wir sind von Geburt an Künstler. Wir alle. Wir schauen künstlerisch. Nach
Josef Brodsky, dem russisch-amerikanischen Nobelpreisträger für Literatur, ist die Kunst die Bestimmung unserer Art. Die Schönheit, war er überzeugt, sei das Ziel der Evolution.
Und deshalb ist die Kunst ein Vergnügen! Schauen ist ein Vergnügen! Sie befriedigt unsere Neugier! Sie fordert uns heraus! Sie hält uns lebendig! Sie verlangt danach, dass wir Türen öffnen! Sie lädt uns ein einzutreten! Sie verlockt uns, etwas Neues zu entdecken! Und sie ist immer – immer – ein großartiger visueller Genuss!
Die Behauptung vieler Leute, sie verstünden nichts von Kunst, empfinde ich als ein ungeheures Versäumnis; eine Verschwendung. Vor allem aber ist diese Behauptung grundfalsch. Ich weiß ganz einfach, dass jeder Mensch Kunst versteht. Ich weiß es, weil uns die Fähigkeit, Kunstwerke zu erschaffen und zu verstehen ist, angeboren ist. Die Art, wie wir sehen, ist künstlerisch. Wir sehen mit ästhetischen Augen.
Meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen, die behaupten, nichts von Kunst zu verstehen, eigentlich nur sagen wollen, dass sie zu wenig über Kunst wissen und sich keine Blöße geben wollen.
Es mag schon stimmen, dass die Kunst nichts an den harten Fakten des Lebens zu ändern vermag; nichts an der Ausbeutung des Menschen durch Menschen, nichts an der Zerstörung der Umwelt, nichts an der Gier und der Habsucht, nichts am Neid und am Egoismus, die uns überall begegnen; nichts an den Kriegen, nichts am Elend in der Welt, nichts an der schreienden Ungerechtigkeit, mit der der Reichtum der Erde aufgeteilt ist.
Das Leben besteht aber nicht nur darin, Karriere zu machen, Geld zu verdienen und seine Konkurrenten auszustechen. Wir brauchen die Kunst, „weil wir zur Spezies Mensch zählen. Und die Spezies Mensch ist von Leidenschaft erfüllt“. (zitiert aus dem Film „Der Club der toten Dichter“, in dem der Englischlehrer versucht, seinen Schüler das Wesen unserer Existenz nahezubringen.) „Jura, Technik, Mathematik sind notwendig“, sagt er. „Aber Poesie, Schönheit, Romantik, Liebe sind die Freuden unseres Lebens.“
Ich halte es für eine unverzeihliche Vernachlässigung, die Kunst aus seinem Leben herauszuhalten. Die Kunst aus seinem Leben zu verbannen, bedeutet den Verzicht auf ein ausnehmend großes Vergnügen, auf Bildung, auf Lebensqualität, auf einen besseren Blick auf das Ganze unserer Existenz, auf ganz neue Erkenntnisse – nicht zuletzt von sich selbst. Sich nicht für Kunst zu interessieren, bedeutet, dass einem eine ganze Menge entgeht. Denn die Kunst aus seinem Leben auszuschließen, verhindert nicht nur außergewöhnliche sinnliche Erfahrungen, es engt auch die Möglichkeit zur Wahrnehmung (unserer Mitmenschen, unserer Umwelt, von uns selbst) ein.
Mit anderen Worten: Es reduziert unser Menschsein.

